Unwahrscheinlich cross-innovativ: NRW-Panel beim GCES

 

Es mache einen Unterschied, ob ein kreativer Mensch der Wirklichkeit Sinn abringe oder eine KI Wahrscheinlichkeiten berechne – so setzte Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda in seiner Auftaktrede den Ton für den 3. German Creative Economy Summit (GCES) am 28. und 29. April 2026 auf Kampnagel.

Vor und mit mehr als 1.100 Branchenakteur*innen wurden Herausforderungen und Chancen für die Kreativwirtschaft durch die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz diskutiert. Gemeinsam mit creative.nrw haben wir das Panel „Wer nur optimiert, verliert. Wie Cross Innovation über Wettbewerbsfähigkeit entscheidet“ präsentiert.

Ausgangspunkt für die Diskussion war ein prominentes Beispiel dafür, wie kreative Impulse gesamte Geschäftsmodelle verändern können. Die gemeinsame Kunstaktion „Fliegen retten in Deppendorf“ der Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin mit dem Bielefelder Unternehmer Hans-Dietrich Reckhaus stieß einen außergewöhnlichen Unternehmenswandel an: Der Insektizid-Hersteller startete die Initiative INSECT RESPECT, die sich für die Rettung von Insekten einsetzt.

Robin Bühlmann, Projektleiterin für INSECT RESPECT bei der Reckhaus AG, berichtete, welch fundamentalen Wandel die künstlerische Intervention im Unternehmen ausgelöst habe. Entscheidend dafür sei die Offenheit gewesen, Dinge radikal anders zu machen. Ebenso wichtig für solche Prozesse seien Anstöße von außen. Andernfalls würden intern entstehende radikale Ideen oftmals nicht weiterverfolgt, weil man sofort auf mögliche Probleme schaue. Man arbeite deshalb bewusst weiter mit Künstler*innen zusammen, wenn es um strategische Weichenstellungen gehe oder um Ideen dafür, wie der Gedanke von INSPECT RESPECT weiter in die Öffentlichkeit getragen werden kann.

Prof. Dr. Martin Kiel, Leiter des Think Tanks the black frame, bestätigte, dass externe Cross-Innovator*innen besonders gute Berater*innen in Innovationsprozessen sein können, da sie unbefangener an Themen herangehen. Künstler*innen könnten dabei qua ihrer Figur noch radikaler vorgehen als kreative Dienstleister*innen, das werde sogar von ihnen erwartet: „Es muss weh tun.“ Zudem kritisierte er die frühe berufliche Spezialisierung in gängigen Ausbildungsformen: Sie verhindere die Fähigkeit zur intrapersonalen Cross Innovation, zum Umdenken im eigenen Kopf (mehr dazu auch im creative.talk von creative.nrw).

Das gemeinnützige Unternehmen innatura, das nicht mehr verkaufsfähige Produkte an soziale Einrichtungen vermittelt, hat letztes Jahr bei unserem Cross-Innovation-Format creative.challenges mitgemacht (mehr dazu hier). Business-Development-Managerin Eva Schiele-Recknagel zeigte sich sehr zufrieden mit den Ergebnissen: Der Perspektivwechsel, von außen auf das eigene Geschäft zu blicken, habe das Unternehmen weitergebracht. Eine KI hätte ihrer Einschätzung nach solche Ergebnisse nicht liefern können, es gehe beim Geschäft von innatura auch um eine emotionale Komponente, die eine KI nicht aufweisen könne. Wichtig sei es, sich als Unternehmen ergebnisoffen auf den Prozess mit den externen Kreativen einzulassen, um wirklich neuartige Ideen entstehen zu lassen. Mittlerweile sei das Gewinner*innen-Team beauftragt worden, die entwickelten Ideen weiter auszuarbeiten, um sie dann umzusetzen.

Das Übermorgen denken

Egbert Rühl, Geschäftsführer der Hamburg Kreativ Gesellschaft und Veranstalter des German Creative Economy Summit, hatte in seiner Eingangsrede dazu aufgerufen zu üben, das Übermorgen zu denken und nicht nur auf Resilienz abzuzielen, sondern auch Disruption zuzulassen: „Die aktuelle wirtschaftliche Debatte zielt stark darauf ab, die bisherigen Erfolgsmodelle der deutschen Wirtschaft zu stabilisieren – das ist nachvollziehbar, greift aber zu kurz. Die nächsten Märkte entstehen längst anderswo: in der digitalen Ökonomie, in neuen Geschäftsmodellen und in der Verbindung von Technologie und Kreativität. Wenn wir wettbewerbsfähig bleiben wollen, müssen wir stärker in diese Richtung denken – und auch bereit sein, etablierte Pfade zu verlassen. Die Kreativwirtschaft bringt dafür zentrale Voraussetzungen mit: Sie verbindet unternehmerisches Denken mit Innovationskraft und ist in der Lage, neue Wertschöpfung zu entwickeln, bevor sie in anderen Branchen sichtbar wird. Genau deshalb kann sie eine wichtige Rolle dabei spielen, die nächste Phase wirtschaftlicher Entwicklung aktiv mitzugestalten.“

(Quelle: creative.nrw)

German Creative Economy Summit

Das Panel „Wer nur optimiert, verliert. Wie Cross Innovation über Wettbewerbsfähigkeit entscheidet“ beim GCES am 28.04.2026 im Alabama-Kino auf Kampnagel in Hamburg. V.l.n.r. Moderator Sean Weigarten, Robin Bühlmann, Eva Schiele-Recknagel, Prof. Dr. Martin Kiel. (Foto: creative.nrw)