Kunst trifft Industriekultur: „spark – from work to progress“ im Zukunftsgarten Dortmund

 

Künstler*innen entwickeln 16 künstlerische Positionen für die Kokerei Hansa – viele Arbeiten entstehen eigens für die IGA 2027

Wo früher Kohle zu Koks verarbeitet wurde, treffen bei der IGA 2027 Industriekultur, Industrienatur und zeitgenössische Kunst aufeinander. Unter dem Titel „spark – from work to progress“ entsteht auf der Kokerei Hansa im Zukunftsgarten Dortmund eine Ausstellung mit 16 künstlerischen Positionen aus Nordrhein-Westfalen. Viele der Arbeiten werden eigens für die IGA 2027 entwickelt und setzen sich unmittelbar mit dem Gelände, seiner Geschichte, seiner heutigen Natur und seinem Wandel auseinander.

Das kuratorische Team, bestehend aus Sarah Hübscher, Steven Natusch und Linda Schröer stellte jetzt das Konzept auf der Kokerei Hansa erstmals der Öffentlichkeit vor. Insgesamt sind 18 Künstlerinnen an 16 Positionen im Zukunftsgarten beteiligt. Sieben der Künstlerinnen beziehungsweise Teams kommen aus Dortmund, weitere aus Münster, Düsseldorf, Köln, Essen und Herne. Das Spektrum reicht von Fotografie, Film und Sound über Skulptur und Malerei bis zu multidisziplinären Installationen.

Ausgangspunkt ist die Leitfrage der IGA 2027 „Wie wollen wir morgen leben?“. Die Ausstellung greift Zukunftsfragen rund um Natur und Umwelt, Arbeit und gesellschaftliches Zusammenleben auf und verbindet sie mit einem Ort, an dem sich der Wandel des Ruhrgebiets besonders deutlich ablesen lässt. Die Kokerei Hansa mit ihren Maschinen, Gebäudekomplexen und Freiflächen wird im Zuge der IGA zu einer Landschaft weiterentwickelt, in der Industriedenkmal und neues Grün aufeinandertreffen.

Hanspeter Faas, Sprecher der Geschäftsführung der IGA 2027 Ruhrgebiet, betont die Bedeutung der Kunst für das Gesamterlebnis der Gartenausstellung: „Die IGA 2027 stellt die Frage, wie wir morgen leben wollen. Kunst kann darauf keine einfachen Antworten geben – aber sie kann unseren Blick verändern und Fragen stellen, auf die wir selbst Antworten finden müssen. Genau dafür ist die Kokerei Hansa ein außergewöhnlicher Ort. Hier treffen die industrielle Geschichte des Ruhrgebiets, die Natur, die sich Flächen zurückerobert hat, und die Gestaltung eines neuen Zukunftsortes unmittelbar aufeinander. Die künstlerischen Arbeiten eröffnen unseren Besucherinnen und Besuchern ganz unterschiedliche Möglichkeiten, diesen Wandel zu entdecken.“

Eine Besonderheit von „spark – from work to progress“ ist der enge Bezug der Arbeiten zur Kokerei Hansa. Historische Gebäude und technische Anlagen werden nicht lediglich zur Kulisse für Kunstwerke. Vielmehr beziehen Künstler*innen vorhandene Bäume, Böden, Wege und Gebäude in ihre Arbeiten ein, recherchieren im Archiv oder reagieren mit ihren Werken unmittelbar auf die Industriearchitektur und Industrienatur. Einige Arbeiten verändern sich während der 178 Tage der IGA.

Kokerei wird Teil der Ausstellung

Damit reicht der Bogen von der Arbeit und Industriegeschichte der Vergangenheit über den Umbau und die Pflege des Ortes in der Gegenwart bis zu Fragen nach möglichen Formen des künftigen Zusammenlebens. Das Konzept versteht diesen Weg ausdrücklich nicht als geradlinige Fortschrittsgeschichte. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sollen vielmehr gleichzeitig sichtbar werden.

„Schön, dass sich Dortmund als Teil der IGA 2027 präsentieren kann“, sagt Dortmunds Bürgermeisterin Ute Mais und betont: „Aus der Arbeit von gestern entsteht hier der Funke für das Morgen. Wir hoffen, dass die IGA 2027 spannende Impulse setzt und Gäste von überall her nach Dortmund lockt. Genau das macht Kunst und Innovation an diesem Ort so kraftvoll.“

Ursula Mehrfeld, Vorsitzende der Geschäftsführung der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur, sieht in der IGA 2027 eine besondere Chance, den Wandel der Kokerei Hansa durch Kunst neu erlebbar zu machen: „Die Kokerei Hansa steht wie kaum ein anderer Ort für Transformation: Aus einem ehemaligen Produktionsstandort der Montanindustrie ist ein lebendiger Ort für Industriekultur, Natur und Begegnung geworden. Neue Arbeitsplätze und vielfältige Angebote sind entstanden, von Gastronomie und Lebensmittelerzeugung über Büroarbeitsplätze bis hin zu einem vielseitigen Veranstaltungsprogramm. In diesem Transformationsprozess haben wir von Beginn an auch Künstlerinnen und Künstler eingeladen, sich mit der Geschichte und der Entwicklung der Kokerei auseinanderzusetzen. Kunst kann diesen Wandel auf besondere Weise sichtbar und erlebbar machen und neue Perspektiven auf die Geschichte und Gegenwart des Ortes eröffnen. Die IGA 2027 gibt dieser Entwicklung einen weiteren wichtigen Impuls.“

Kunst als „Funke“

Der Ausstellungstitel „spark – from work to progress“ nimmt die Transformation des Ortes auf. „Spark“, der Funke, steht dabei für die Idee, dass Kunst neue Gedanken und Diskussionen auslösen kann. Die 16 Positionen übersetzen abstrakte Zukunftsfragen in konkrete Erfahrungen am Ort. Kunst wird im kuratorischen Konzept deshalb nicht allein als fertiges Objekt verstanden, sondern auch als Prozess des Beobachtens, Recherchierens, Dokumentierens und Zusammenarbeitens.

Das kuratorische Team aus Sarah Hübscher, Steven Natusch und Linda Schröer sieht in der IGA 2027 eine besondere Chance, die künstlerische Vielfalt und das große Kunstpotenzial der Region öffentlich erlebbar zu machen: „So unterschiedlich die gezeigte Kunst ist, so notwendig ist ihre Öffentlichkeit. Sie sensibilisiert uns für zentrale Herausforderungen der Gegenwart und betont gleichermaßen das liebenswerte Detail, dass uns innehalten lässt und zum genauen Erkunden einlädt. Die Region hat so ein großes Kunstpotenzial – die IGA 2027 ist ein toller Anlass, diese in immer wieder neue Begegnungen und Kommunikationen einzubinden.“

Von Ameisen und Birken bis zur letzten Grubenwehr

Wie unterschiedlich die Auseinandersetzung mit dem Ort ausfällt, zeigen die geplanten Arbeiten. Evelyn Bracklow entwickelt beispielsweise kleine keramische Eingriffe in die Architektur. Erst beim genaueren Hinsehen werden darauf winzige Ameisen sichtbar. Der Blick wandert damit vom Monumentalen der Industrieanlage zu den kleinen Lebewesen, mit denen Menschen den Zukunftsgarten teilen.

Maike Denker wiederum macht die Birken des Industriewaldes zu Partnerinnen einer künstlerischen Forschungsstation. Ein offener Kubus markiert einen Beobachtungsraum, in dem während des Projekts Veränderungen und Beziehungen zwischen Mensch, Pflanze und Umwelt untersucht werden.

Auch die Industriegeschichte selbst wird zum Ausgangspunkt. Arne Piepke beschäftigt sich in seiner fotografischen Arbeit „Die letzte Grubenwehr“ mit dem Ende des Steinkohlenbergbaus und mit der Frage, welche Bedeutung Arbeit für Gemeinschaft, Vertrauen und Identität haben kann. Andere Positionen setzen sich unter anderem mit Energie und Klimawandel, Migration und Erinnerung, Biodiversität, dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur oder der Transformation urbaner Räume auseinander.

Drei Positionen geben erste Einblicke

Drei der beteiligten künstlerischen Positionen verdeutlichen, wie vielfältig sich das Kunstkonzept der IGA 2027 mit Transformation, Natur und gesellschaftlichen Zuschreibungen auseinandersetzt.

Das Düsseldorfer Künstlerduo Oliver Sieber und Katja Stuke beschäftigt sich in seiner Arbeit „Die Vertikale Stadt“ mit der Transformation urbaner Räume. Für die IGA 2027 entstehen neue Bild-Text-Kombinationen und ein neues Kapitel, das sich vom Ruhrgebiet über Paris und Chongqing bis nach Osaka und zurück entwickelt. Darin verweben Sieber und Stuke Geschichten und Charaktere auf unterschiedlichen formalen, inhaltlichen, historischen und geografischen Ebenen. Partizipative Walks beziehen zusätzlich Huckarde und die Kokerei Hansa in die Erzählung ein. Über die Gedanken und Erfahrungen, die ihre Arbeit prägen, sagen die beiden: „Mit dem Körper hier, mit dem Kopf schon dort: Wir interessieren uns für Gründe aufzubrechen, für Wünsche, Erwartungen und Hoffnungen; aber auch dafür, wie sich das <Dazwischen> anfühlt“, so Oliver Sieber und Katja Stuke.

Die Düsseldorfer Künstlerin Katharina Veerkamp setzt sich mit Pflanzen auseinander, die als „invasiv“ bezeichnet werden. Ihre Arbeit nimmt die Wanderung und Verbreitung von Pflanzen zum Ausgangspunkt für die Frage, wie Menschen Natur kategorisieren und bewerten. Das Konzept stellt Bezüge zum Anthropozän und zum Verhältnis zwischen Mensch, Pflanze und Umwelt her. Über den Ausgangspunkt ihrer Arbeit sagt Veerkamp: „Ausgangspunkt ist meine Faszination für die Anpassungsfähigkeit und Beweglichkeit von Natur. Dabei setze ich pflanzliche Formen, Bewegungen und Spuren in Beziehung zu ihrer kulturellen und ökologischen Geschichte. Ornamente, die auf die jeweiligen kulturellen Kontexte ihrer Herkunft verweisen, treten dabei in einen Dialog mit den Pflanzen. Dabei interessiert mich, wann eine Pflanze als heimisch, fremd oder invasiv gilt. In diesen wechselnden Zuschreibungen zeigt sich, wie eng unsere Wahrnehmung von Natur mit Fragen von Zugehörigkeit, Herkunft und Veränderung verbunden ist“, sagt Katharina Veerkamp.

Astrid Wilk beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit der menschlichen Sammel- und Konsumkultur rund um Pflanzen. In detailreichen Miniaturskulpturen nimmt sie Pflanzenarten in den Blick, denen Menschen besondere Aufmerksamkeit oder einen besonderen Wert zuschreiben. Zu ihrem künstlerischen Ansatz erklärt sie: „Meine Arbeiten bewegen sich zwischen konzeptuellen Strategien und theoretischen Überlegungen. Die praktische Arbeit ist die verschränkende Praxis und die Bedingung dieser beiden“, erläutert Astrid Wilk.

Ausstellung wächst in den Ort hinein

Die verschiedenen Arbeiten verteilen sich über die Kokerei Hansa und beziehen ihre Architektur und Industrienatur in die Ausstellung ein. Damit gibt es keinen klassischen Rundgang mit einer festgelegten Reihenfolge. Vielmehr sollen sich die Kunstwerke in den Ort einfügen und immer wieder neue Perspektiven eröffnen.

Ergänzt wird „spark – from work to progress“ während der IGA 2027 durch ein Rahmenprogramm mit Vorträgen, Führungen, Künstler*innengesprächen, Performances und Workshops. Auch die Gestaltung der Ausstellung wird eigens für den Zukunftsgarten entwickelt. Die Dortmunder Grafikdesignerin Lisa Panitz übersetzt dafür Sprache und Typografie in eine analoge und digitale Gestaltung. Die Ausstellung ist während der Internationalen Gartenausstellung Ruhrgebiet 2027 im Zukunftsgarten Dortmund auf der Kokerei Hansa zu erleben.

Weitere Infos zur IGA 2027

vlnr: Margot Olbertz (Kunst/Ausstellung der IGA 2027), die Künsterinnen Astrid Wilk und Katharina Veerkamp, Steven Natusch vom Kuratorenteam, das Künstlerduo Katja Stuke und Oliver Sieber, Ursula Mehrfeld, Vorsitzende der Geschäftsführung der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur, Dortmunds Bürgermeisterin Ute Mais, Hanspeter Faas, Sprecher der Geschäftsführung der IGA 2027 Ruhrgebiet gGmbH sowie Linda Schröer und Sarah Hübscher vom Kuratorenteam. © Benito Barajas